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Das Märchen vom risikofreien Motorradfahren


Es war einmal ein Königreich, in dem niemand entscheiden konnte, wie er wollte. Es waren die Götter die entschieden. Ob ein Motorradfahrer verunglückte oder nicht, das war göttliche Fügung. Die Menschen hatten so viel Vertrauen in das Schicksal, dass sie ihre Motorräder mit Talismanen bestückten, Maskottchen sammelten und Amulette um den Hals trugen. Messen und Segnungen waren feste Rituale im Leben jedes Motorradenthusiasten. Kam man nach gefahrener Runde wieder unversehrt nach Hause, meinten es die Götter gut mit einem.

Dem König dieses Reiches gefiel es nicht, dass er gegenüber den Göttern kaum Macht besaß. So schickte er Gelehrte und Wissenschaftler in das Land, um den Menschen die Gottesfurcht auszutreiben. Über die Jahre verlor das Schicksal seine Kraft. Die Menschen wurden aufgeklärter. Jeder Motorradfahrer wusste, dass Gott nicht würfelt und dass man die Bestimmung herausfordern kann. Der freie Wille war geboren. Man konnte mit Erfahrung, Wissen und Können entscheiden, wie knapp am Limit man sein Motorrad bewegte. Die Sicherheit jedes Fahrer hing nicht mehr am Gängelband des Schicksals. Alle konnten selbst entscheiden wie riskant und wie sicher sie Motorrad fuhren. Jeder war für seinen Fahrstil selbst verantwortlich. Man lernte aus Fehlern und lernte sie zu vermeiden. Man war mit dem Risiko befreundet und suchte es gerne auf.

Alle Motorradfahrer in diesem Land waren glücklich und zufrieden. Ab und an verunglückte einer während einer Ausfahrt. Das Volk nahm diese Unfälle in Kauf, waren sie doch die Kehrseite eines lebendigen Lebens. Der König regierte mit sanfter Hand und schenkte seinen Untertanen Freiraum selbst ihr Leben zu gestalten.

Eines Tages veränderte sich alles. Altbekannte Flucht vor Göttern wandelte sich in Besorgnis um die eigene Unversehrtheit. Motorradfahrer bekamen Angst. Angst vor Verletzungen. Angst vor Stürzen. Angst vor dem Schuldsein. Angst vor allem Möglichen – und Unmöglichen. Das Risiko wurde zum Feind. In Rüstungsschmieden wurden Waffen gegen das Risiko produziert. Jeder Motorradfahrer wappnete sich mit Schutzschildern gegen mögliche Schrammen. So geschah es, dass alle Motorradfahrer nur mehr aufpassten, dass nichts mehr passiert. Jeder vermied das Risiko.

Und wenn einmal etwas passierte, dass musste jemand Schuld sein. Der Traktorfahrer, der Pensionist, der Sonntagsfahrer, die Frau oder der Mann am Steuer, die jungen Lenker, der Fahrer des Mopedautos, der Ortsunkundige, die Zu-Langsamen und die Zu-Schnellen – sie alle trugen die Last der Schuld auf ihren Schultern.

Von wem wurde die Motorradwelt so sehr mit Angst vergiftet? Waren es die Versicherungsvertreter von der Burg „Verdiensoviel“ oder die Juristen aus „Habimmerrecht“? Vielleicht lag ein dunkler Fluch über dem Königreich?

Die Angst liess die Motorradfahrer erstarren. Sie verlernten ihrer Intuition zu folgen, hörten auf sich zu spüren, verloren alle Zuversicht und vergaßen auf sich und andere zu achten. Keiner wagte mehr sein Leben. Ja, es gab noch die, die stellvertretend für alle anderen Menschen die irrwitzigsten Sachen unternahmen. Um Heldentum zu erlangen sprangen sie in ihrer Energy-Drink-Welt unzählige Double-Back-Flips, fuhren die Paris-Dakar, Isle of Man oder MotoGP. Sie wurden angehimmelt wie jene Götter Jahrzehnte zuvor. Allein vom Zusehen lief den Menschen ein Schauer über den Rücken. Niemand musste mehr selbst wagen.

Als der König die Veränderung in seinem Volk bemerkte, beauftragte er seine besten Gelehrten, um zu erforschen, wie man mit dieser Situation umgehen sollte.
Die einen forderten klare Regeln, Verbote und Strassensperren für Motorradfahrer. Damit sich jeder daran hielt, wurden Vergehen hart bestraft.
Sanftmütigere Berater schlugen vor, alle Motorradfahrer in Camps zu betreuen. In speziellen Programmen und Kursen sollten Motorradfahrer fahrerischen Kompetenz und Eigenverantwortung lernen.
Einige geschäftstüchtige Berater schlugen dem König vor, alle Motorradfahrer nur in die von ihnen angebotenen Fahrsicherheitstraining zu schicken – es wäre das Letzte, was noch helfen würde.
Jene Berater aus der Rüstungsschmiede empfohlen dem König, es solle die Wappnung durch Schilde und Hilfsmittel gegen das Risiko zur Pflicht machen. Gesetze sollen erlassen werden, um Schutzvorrichtungen und technische Helfer zwingend zu machen.
Weil es das erste Gebot war, dass keinem Motorradfahrer etwas passiert, wurde der Dschungel der Vorschriften zu einem undurchdringlichen Dickicht. Niemand wusste mehr, was richtig und wichtig war. „Vision Zero“ und „Null Unfall“ wurden zu den Hoheliedern der Motorradzunft. Niemand wusste mehr, vor wem die Motorradfahrer eigentlich geschützt werden sollten … Manche sagten „Vor sich selbst“.

Die Berater waren zufrieden. Alle Jahre trafen sich an großen Verkehrssicherheits-Kongressen und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Auch der König war zufrieden, konnte er doch sein Volk viel leichter regieren als zuvor, als es noch furchtlos und wagemutig war. Nur einige wenige erinnerten sich an die Zeit vor all diesen zügelnden Gesetzen, Regeln und Waffenarsenalen gegen das Risiko.

Diese machte ihr „eigenes Ding“ und ritten als „Schräge Vögel“ ihre Maschinen. Sie riefen zum Ungehorsam auf, gegenüber den Verlust an Eigenverantwortung und strengen Gesetzen. Ihnen war klar, dass, wenn kein Motorradfahrer mehr eigene Entscheidungen für seine Sicherheit treffen und zu deren Konsequenzen stehen könne, dann würde auch nichts mehr geschehen. Und wenn nichts mehr geschieht, bleibt alles wie es war. Und wen alles bleibt, wie es war, entwickelt sich nichts mehr weiter. Und wenn sich nichts mehr weiter entwickelt, dann gibt es keine Zukunft mehr…wir alle wären tot.

Und wenn, ja wenn sie nicht gestorben sind, dann machen sie auch heute noch Gesetze und verbieten sich gegenseitig das, was sie ohnehin nicht mehr kennen.

Vielleicht braucht es einen wilden Gott, der eine Veränderung von aussen bringt, da niemand mehr weiss, wie Veränderung geht. Vielleicht gelingt es auch den „Schrägen Vögeln“, den König zu überzeugen, dass es Eigenverantwortung und Risiko braucht, um beim Motorradfahren und generell im Leben Spass und Sinn zu finden.

Inspiriert durch das „Märchen vom risikofreien Leben“ von Jürgen Einwanger
Published inAllgemein

2 Kommentare

  1. Bernhard Hinterreiter Bernhard Hinterreiter

    Lieber Dieter.

    Danke, dass du dieses Märchen aus deiner inneren Schatzkammer für uns sichtbar machst. Ich finde es sehr lässig, weil wir mit genügend Geduld vielleicht noch in diesem Leben erfahren werden wie die Geschichte weitergehen wird.
    Pass auf dich, damit dir nichts passiert 😉
    Alles gute dir und bis hoffentlich bald.

    Liebe Grüße aus Spital am Pyhrn,
    Bernhard

    • Dieter Wellmann Dieter Wellmann

      Lieber Bernhard, naja, die Sterne stehen derzeit nicht so gut, dass die Geschichte ein versöhnliches Ende bekommt. Der König baut Zäune und Mauern, beschliesst Obergrenzen und sein Druide zaubert Verbote und Sperrdistrikte. Aber ich bin Gottseidank mit Hollywood aufgewachsen und da gewinnen ja immer die „Guten“ – deshalb bin auch ich eher zuversichtlich. Alle Helden müssen vor ihrem Triumph durch ein finsteres Tal wandern.
      Ja, hoffentlich bis bald,
      liebe Grüsse aus Gmunden,
      Dieter

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