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Im Zweifel für Gefährlichkeit

Im Zweifel für Gefährlichkeit,
für Leichtsinn und den Tod,
für ungeschminkte Raserei
wider dem Verbot.

Im Zweifel für das Unbekannte
und für die Fraglichkeit,
den wankelmütigen Verdacht,
und Schwanken ohne Zeit.

Im Zweifel für das Risiko,
für Unentschiedenheit,
für blanke Hemmungslosigkeit,
dem Teufel als Geleit.

upset little girl in outdoor in vintage color tone – Version 2

Im Zweifel für das Ungewisse,
Bedenken bremsen nur,
Gewissensbisse ausgesetzt,
den Gral trink ich heut pur.

Im Zweifel für Unsicherheit,
gesichert ist das Grab,
der Drogenrausch, die Pille,
Exzess hält mich auf Trab.

Im Zweifel für Zwiespältigkeit,
Gott würfelt mit Verdacht,
die Schwäche auf das Podium,
Chaos in schwarzer Pracht.

Im Zweifel für die Eskapaden
in alle Ewigkeit
der Vorbehalt ist ausgesperrt
Sieg der Zerrissenheit.

Im Zweifel für den Zweifel
die Wut, den Zorn, die Tat,
Im Zweifel für Masslosigkeit
alles andere ist Verrat.

Heut sitzt ich da und zweifle nur
in Unentschiedenheit
im Zweifel für den Zweifel
an meiner Zweifelhaftigkeit.

Uli Brée – der hyperreale Dionysos

Uli Brée – ich verneige mich vor diesem virtuosen Spieler des Motorraduniversums, hieve ihn auf den Olymp der Zweizylindergottheiten und küre ihn zum Botschafter der motorisierten Anderswelt.

Uli Brèe gelingt es – als einem unter wenigen – den Hauch des Karnevals unserer Motorradzunft aufrichtig zu portraitieren, ohne zu übersehen, dass sich hinter dieser clownesken Maskerade eine tiefe Ernsthaftigkeit und Leidenschaft verbirgt. Er, das limbische System der Neukirchner Tridays, schafft den Balanceakt zwischen der gravitätischen Humorlosigkeit schwarzgekleideter MC-Geschwader und der närrischen Faschingsgilde einer puren Vernunft. Nichts kann diese Spaltung des Zweiradgemüts pointierter zum Ausdruck bringen, als ein Dialog aus der Feder des Leibhaftigen. Aber lest doch selbst, wie Toni alias Sonderermittler Steiger seiner schiesswütigen Herta Siegwald grundehrlich die Spaltung seiner und unserer Seelenwelt erklärt:

Version 2

Toni: „Sonderermittler Steiger spürte den eisigen Schauer des Bösen. Der Schwarze Engel hatte wieder zugeschlagen und sein Schatten fiel auf das Dorf.“

Hertha: „Mmh, klingt ein bisschen aufgesetzt.“

Toni: „Findest?“

Hertha: „Ja.“

Toni: „Na, aber der redet so, der Steiger.“

Hertha: „Das bist doch nicht Du, Schatz.“

Toni: Irgendwie schon und irgendwie nicht. Weisst Du, die Überhöhung des Protagonisten ins Hyperreale, quasi seine Charakterisierung als klassischen Helden, das ist in dem Genre durchaus ein probates Mittel.

Hertha: „Klingt einleuchtend!“

Toni: „Eben.“

Vier Frauen und ein Todesfall: „Totgepflegt“ (2016). Drehbuch: Uli Brée

Ja, unser Genre „Motorrad“ braucht das probate Mittel der Überhöhung in Hyperreale. Als Charakterziele dienen statt Sonderermittler Steiger die Altbekannten: Peter Fonda, Steve McQueen, Hunter Thompson, Marlon Brando, Jax Teller – die ganze erlesene Motorrad-Gang. Da wir in der Zwischenwelt unserer juckenden After und spriessender Nasenhaare diesem Ideal erbärmlich wenig nahekommen, braucht es eine Mystifikation, eine erfundene Gestalt unseres Selbst. Irgendwie brauchen wir den Clown, um unsere wahres Ich zu entdecken, irgendwie auch nicht.

Exakt am Scheitelpunkt dieser Überhöhung ist die Startlinie der kollektiven Ekstase. Ob nun als kölscher Karnevalsrecke, beschalter Fussballfan, volkstümliche Trachtengestalt oder vollmontierter Kradfahrer, meist braucht es diese Anderswelt, um genau jener Mensch zu sein, der wir sind. Das Schauspiel als Weg zur Authentizität. Viele sehnen sich nach jenem Sonderermittler Steiger, dem Protagonisten aus dem Hyperrealen. Einmal die Welt umrunden. Einmal die Route 66 befahren. Einmal Rennstrecke. Einmal Rocker. Es würde irgendwie alles auflösen – und irgendwie auch nicht.

Tridays 2016

Nun geschieht es, dass Uli Brèe von 23.-26 Juni 2016 wieder nach Neukirchen am Grossvenediger zu den  Tridays blässt. Als motorisierter Dionysos katapultiert er dieses kleine Dörfchen für einige Tage in den Orbit einer simulierten Wirklichkeit. Macht Euch also auf zur Eselsmesse – mit einem Hauch Kettenschmiere unter den Augenliedern, einem Tupfer Motorenöl hinter den Ohren, gaaanz viel Coolness, Lederjacke, Hipsterbart, Lederstiefel – der geballten Staffage unserer rauschhaften Anderswelt. Und bitte: Nehmt Eure Kumpels mit! Denn in der kollektiven Überhöhung schläft der Halbgott mit den Mänaden und findet jeder Motorradfahrer sein Ich im Auge der übersteigerten Existenz.

Chapeau Uli Brée!

Das Märchen vom risikofreien Motorradfahren

Es war einmal ein Königreich, in dem niemand entscheiden konnte, wie er wollte. Es waren die Götter die entschieden. Ob ein Motorradfahrer verunglückte oder nicht, das war göttliche Fügung. Die Menschen hatten so viel Vertrauen in das Schicksal, dass sie ihre Motorräder mit Talismanen bestückten, Maskottchen sammelten und Amulette um den Hals trugen. Messen und Segnungen waren feste Rituale im Leben jedes Motorradenthusiasten. Kam man nach gefahrener Runde wieder unversehrt nach Hause, meinten es die Götter gut mit einem.

Once upon a time - typed words on a Vintage Typewriter

Dem König dieses Reiches gefiel es nicht, dass er gegenüber den Göttern kaum Macht besaß. So schickte er Gelehrte und Wissenschaftler in das Land, um den Menschen die Gottesfurcht auszutreiben. Über die Jahre verlor das Schicksal seine Kraft. Die Menschen wurden aufgeklärter. Jeder Motorradfahrer wusste, dass Gott nicht würfelt und dass man die Bestimmung herausfordern kann. Der freie Wille war geboren. Man konnte mit Erfahrung, Wissen und Können entscheiden, wie knapp am Limit man sein Motorrad bewegte. Die Sicherheit jedes Fahrer hing nicht mehr am Gängelband des Schicksals. Alle konnten selbst entscheiden wie riskant und wie sicher sie Motorrad fuhren. Jeder war für seinen Fahrstil selbst verantwortlich. Man lernte aus Fehlern und lernte sie zu vermeiden. Man war mit dem Risiko befreundet und suchte es gerne auf.

Alle Motorradfahrer in diesem Land waren glücklich und zufrieden. Ab und an verunglückte einer während einer Ausfahrt. Das Volk nahm diese Unfälle in Kauf, waren sie doch die Kehrseite eines lebendigen Lebens. Der König regierte mit sanfter Hand und schenkte seinen Untertanen Freiraum selbst ihr Leben zu gestalten.

Eines Tages veränderte sich alles. Altbekannte Flucht vor Göttern wandelte sich in Besorgnis um die eigene Unversehrtheit. Motorradfahrer bekamen Angst. Angst vor Verletzungen. Angst vor Stürzen. Angst vor dem Schuldsein. Angst vor allem Möglichen – und Unmöglichen. Das Risiko wurde zum Feind. In Rüstungsschmieden wurden Waffen gegen das Risiko produziert. Jeder Motorradfahrer wappnete sich mit Schutzschildern gegen mögliche Schrammen. So geschah es, dass alle Motorradfahrer nur mehr aufpassten, dass nichts mehr passiert. Jeder vermied das Risiko.

Und wenn einmal etwas passierte, dass musste jemand Schuld sein. Der Traktorfahrer, der Pensionist, der Sonntagsfahrer, die Frau oder der Mann am Steuer, die jungen Lenker, der Fahrer des Mopedautos, der Ortsunkundige, die Zu-Langsamen und die Zu-Schnellen – sie alle trugen die Last der Schuld auf ihren Schultern.

Von wem wurde die Motorradwelt so sehr mit Angst vergiftet? Waren es die Versicherungsvertreter von der Burg „Verdiensoviel“ oder die Juristen aus „Habimmerrecht“? Vielleicht lag ein dunkler Fluch über dem Königreich?

Die Angst liess die Motorradfahrer erstarren. Sie verlernten ihrer Intuition zu folgen, hörten auf sich zu spüren, verloren alle Zuversicht und vergaßen auf sich und andere zu achten. Keiner wagte mehr sein Leben. Ja, es gab noch die, die stellvertretend für alle anderen Menschen die irrwitzigsten Sachen unternahmen. Um Heldentum zu erlangen sprangen sie in ihrer Energy-Drink-Welt unzählige Double-Back-Flips, fuhren die Paris-Dakar, Isle of Man oder MotoGP. Sie wurden angehimmelt wie jene Götter Jahrzehnte zuvor. Allein vom Zusehen lief den Menschen ein Schauer über den Rücken. Niemand musste mehr selbst wagen.

Als der König die Veränderung in seinem Volk bemerkte, beauftragte er seine besten Gelehrten, um zu erforschen, wie man mit dieser Situation umgehen sollte.
Die einen forderten klare Regeln, Verbote und Strassensperren für Motorradfahrer. Damit sich jeder daran hielt, wurden Vergehen hart bestraft.
Sanftmütigere Berater schlugen vor, alle Motorradfahrer in Camps zu betreuen. In speziellen Programmen und Kursen sollten Motorradfahrer fahrerischen Kompetenz und Eigenverantwortung lernen.
Einige geschäftstüchtige Berater schlugen dem König vor, alle Motorradfahrer nur in die von ihnen angebotenen Fahrsicherheitstraining zu schicken – es wäre das Letzte, was noch helfen würde.
Jene Berater aus der Rüstungsschmiede empfohlen dem König, es solle die Wappnung durch Schilde und Hilfsmittel gegen das Risiko zur Pflicht machen. Gesetze sollen erlassen werden, um Schutzvorrichtungen und technische Helfer zwingend zu machen.
Weil es das erste Gebot war, dass keinem Motorradfahrer etwas passiert, wurde der Dschungel der Vorschriften zu einem undurchdringlichen Dickicht. Niemand wusste mehr, was richtig und wichtig war. „Vision Zero“ und „Null Unfall“ wurden zu den Hoheliedern der Motorradzunft. Niemand wusste mehr, vor wem die Motorradfahrer eigentlich geschützt werden sollten … Manche sagten „Vor sich selbst“.

Die Berater waren zufrieden. Alle Jahre trafen sich an großen Verkehrssicherheits-Kongressen und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Auch der König war zufrieden, konnte er doch sein Volk viel leichter regieren als zuvor, als es noch furchtlos und wagemutig war. Nur einige wenige erinnerten sich an die Zeit vor all diesen zügelnden Gesetzen, Regeln und Waffenarsenalen gegen das Risiko.

Diese machte ihr „eigenes Ding“ und ritten als „Schräge Vögel“ ihre Maschinen. Sie riefen zum Ungehorsam auf, gegenüber den Verlust an Eigenverantwortung und strengen Gesetzen. Ihnen war klar, dass, wenn kein Motorradfahrer mehr eigene Entscheidungen für seine Sicherheit treffen und zu deren Konsequenzen stehen könne, dann würde auch nichts mehr geschehen. Und wenn nichts mehr geschieht, bleibt alles wie es war. Und wen alles bleibt, wie es war, entwickelt sich nichts mehr weiter. Und wenn sich nichts mehr weiter entwickelt, dann gibt es keine Zukunft mehr…wir alle wären tot.

Und wenn, ja wenn sie nicht gestorben sind, dann machen sie auch heute noch Gesetze und verbieten sich gegenseitig das, was sie ohnehin nicht mehr kennen.

Vielleicht braucht es einen wilden Gott, der eine Veränderung von aussen bringt, da niemand mehr weiss, wie Veränderung geht. Vielleicht gelingt es auch den „Schrägen Vögeln“, den König zu überzeugen, dass es Eigenverantwortung und Risiko braucht, um beim Motorradfahren und generell im Leben Spass und Sinn zu finden.

Inspiriert durch das „Märchen vom risikofreien Leben“ von Jürgen Einwanger

Sex ohne Vorspiel taugt nichts! Oder?

Sex ohne Warmup macht im Kino – ob im Kopf oder Cineplex – einiges her. In der tatsächlichen Ausübung taugt der Kick ohne Vorspiel eher selten. Besonders Männern wird der „Harte Sex“ über einschlägige XXX-Seiten als der Olymp vorgegaukelt, den es zu erklimmen gilt. Ich persönlich bin da eher der Typ „Bolero“ und brauche kein Rammstein für den Soundtrack zum Liebesspiel.

Es ist so weit: Die ersten Knospen auf den Bäumen verkünden von der Zeit, in der wir wieder sachte eine innige Beziehung zu unserem Motorrad aufbauen sollten. Es braucht jetzt kein „Hart-an-der-Grenze“ oder „Schräg-am-Limit“, nein: Zärtlichkeit, Achtsamkeit, Einfühlsamkeit und Empathie sind die Navigationspunkte in der Vorbereitung auf rauschhaftes Kurvenspiel. Mach Dich daher auf den Weg in die Garage, zur lustvollen Ouvertüre. Verwandle Dein Motorrad zum Lustpunkt der Welt.

Sensual woman kissing her handsome husband

Tu es wie ich, als ich gestern mein Warmup mit Beyonce – so heisst mein Bike (ist eine längere Geschichte) – beginne. Ich nähere mich ihr behutsam, flüstere ein zärtliches: „Hallo, wie war die kalte Zeit“ unter Beyonces Abdeckplane, bevor ich diese vorsichtig von hinten über den ledernen Sitz streife. Wir beide sind alleine. Nur ich und Beyonce..

Bist Du bereit? Dann starte Dein Vorspiel mit Deiner/m Süssen:

Lege Deine Hand zart auf den Sitz Deines Motorrads. Spüre die Textur, während Du langsam beginnst über ihren Rücken zu streichen. Wie fühlt sich der Übergang zwischen Sitz und Tank an? Spürst Du Wärme oder Kälte? Schliesse Deine Augen, während Du den metallenen Körper abtastest. Langsam. Achtsam. Was riechst Du? Das Öl? Den Gummi? Das Metall? An was erinnert Dich dieser Geruch? Errieche unterschiedliche Zonen und Teile. Leg Dein Ohr an die Seite, an den Tank, an den Sitz. Was hörst Du? Kannst Du Fahrgeräusche der letzten Jahre erlauschen? Kannst Du Dein Motorrad atmen hören? Jetzt, nachdem Du vieles ertastest, erriechst und betrachtest. Bitte Dein Motorrad um Erlaubnis, bevor Du Dich behutsam aufsteigst. Nun drückt sich Dein Gesäß weich in die Polsterung. Spüre die Wärme, die Weichheit. Spüre mit Deinen Schenkel den Tank. Erhöhe den Druck Deiner Schenkel, während Du die Griffe fest mit Deinen Händen umschliesst. Setzt Dich „hinein“ in Dein Motorrad. Entspanne Dein Gesäß, Deine Schenkel, Deinen ganzen Körper. Und verschmelze. Werdet eins. Verbindet Euch ineinander. Untrennbar vereint.

young mechanic repairing a vintage motorcycle

So, erst jetzt, nach dem Horsd’œuvre, starte den Motor und beginne mit dem Hauptgang. Alle Schrauber unter uns wissen, dass die Fummelei vor dem Akt, die unumgängliche Zutat unsere Leidenschaft ausmacht. Ich würde sogar soweit gehen, dass feinfühliges Vorbereitung, achtsames Vorspiel, hingebungsvolles Warmup und sachtes Annähern oft Grundvoraussetzungen für gelungenes Motorradfahren sind. Was nicht heisst, dass ich bei Testfahrten nicht auch den Metal-Quickie geniessen darf.

Der Hells-Angel-Pfad zu meisterhaftem Motorradfahren

Von einem Hells Angels als einem Motorradfahrer zu sprechen ist hanebüchen genug, um urplötzlich von einem Trupp wildgewordener Psychiatrieschergen in Zwangsjacke einkassiert zu werden. Das Motorrad eines Hells Angels ist nichts anderes als sein Symbol des Widerstands und sein Werkzeug der Anarchie. Er würde auch eine Ziege reiten, hätte Marlon Brando in „Der Wilde“ das Städtchen Wrightsville auf einer Geiß gepiesackt.

Nichtsdestotrotz findet man einen Outlaw eher auf einem Motorrad wieder, als dass man ihn beim Zickenmelken antrifft, obwohl Letzteres seinem wütendem Gemüt äusserst zugute kommen würde. So ist es, dass Hells Angels – oder auch Bandidos und Konsorten, also jene „Rocker“ mit leicht abgeändertem Kostüm am gegnerischen Karnevalswagen – auch das Gras auf meiner Weide fressen.

Sunny Barger

Vor Jahren geschieht mir, dass ich flankiert von hohen Bergen das verirrte Kuttenlogo des Chapters „Berlin“ im Visier meiner Maschine erspähe. „Ein Biker“, denke ich „den fress ich zum Frühstück wie einen plattgefahrenen Igel“ und will gerade zum Überholen ansetzen, als mir das Echo der Strassenschlucht das Gedonnere des Leibhaftigen um die Ohren prügelt. Der Chopper hat das Kriegsbeil ausgegraben und zu einer munteren Verfolgung geblasen. Ich stelle mich dem Duell und bin überrascht, wie grazil und feinfühlig der Engel die Kurven nimmt, ohne auf sein Prestissimo zu verzichten. Ich habe Probleme an seinem Hinterrad zu bleiben, was selbstverständlich mit meiner Wohlerzogenheit zu tun hat. Erst als ich meine Kinderstube vergesse, kann ich das brüllende Tier auf einer kurzen Gerade erlegen. Es hängt noch eine Weile an meinem Hinterrad bevor es langsam am Horizon in meinen Rückspiegeln verschwindet.

Wie kann ein Mensch, dessen Gesinnung so nahe am Fatalismus bebaut ist, für den Fahrtrainings Gebetskreise für Spiessbürger verkörpern, wie kann so ein Bruder des Schicksals sein Gerät so exquisit um die Kehre schwingen? Um diese Frage beantworten zu können, muss man die Einstellung eines Rockers zu Verletzung, Unfall und Tod kennen. So wie ein Samurai sein Leben in die Hände seines Gegners legt und damit über ihn Überhand gewinnt, so pfeift ein heroischer Hells Angel auf den Tod, um ihn so zu besiegen. Es ist diese Furchtlosigkeit der Rockergemeinschaft, die den Spiessern Angst und Schrecken einjagt. Wem in Schlägerei und Raufhandeln mindestes 7mal die Nase gebrochen wurde, der fürchtet sich auch nicht vor dem achten Besuch in der Notaufnahme. Gebrochene Knochen werden zur Routine und im weiteren zu Trophäen. Die Gehirnerschütterung als Schulabschluss, der Schädelbruch als Doktortitel. Das sind die Prüfungen der Rockerhochschule, die jedem Biker zur MC-Präsidentschaft oder mindesten zum Seargant-at-Arms befähigen.

Hunter „oder wer könnte es besser wissen“ Thompson schrieb dazu: „ Ein Barkeeper mit vernarbten Fingerknöcheln schlägt schneller und fester zu als ein Karate-Anfänger, der noch nie blutig geschlagen wurde. Aus dem gleichen Grund fährt ein Hells Angel, der schon oft genug einen Highsider hingelegt hat, um darüber Scherze zu reißen, mit einer Klasse und Umbekümmertheit Motorrad, die man nur durch schmerzhafte Erfahrungen erwirbt.

Genau diese Klasse und Unbekümmertheit begegnete mir damals unter der 1%er-Flagge des Berlin Chapters. Irgendetwas sagt mir, dass er mich damals vorbeiziehen lies, weil er von meiner abgründigen Erbärmlichkeit wusste. Ich habe nicht die Klasse, mit Gott um mein Leben zu würfeln. Darum wird ein Teil von mir diese Scheiss-drauf-Typen immer bewundern – egal ob sie Motorrad fahren oder auf einer Ziege reiten.

Der Ruf der Schwarzen Flügel

Vor mir am Fels landet eine Bergdohle. Sie wetzt ihren Schnabel am kalten Stein und ich höre sie singen:

„Komm und ergibt Dich dem Leichtsinn.
Komm, flieg mit uns.
Folge dem Ruf der Schwarzen Flügel.“

Sie liest meine Träume, meine Sehnsucht, mein Verlangen:

„Komm, breite Deine Schwingen aus.
Steig empor mit den engelsköpfigen Gespenstern
Schliess Dich an und reite die Glittermaschine.
Die funkensprühende Motorradgang wird Dich geleiten.
Wir schenken Dir Freiheit
Sprenge die Fesseln Deines Menschseins.

Aber Vorsicht,
der Falke,

er ist auf der Jagd,
er trägt seine besonnenen Uniform,
seine Waffen sind vernünftig.“

alpendohle im flug

Sie spricht mit dionysischer Zunge:

„Steig hinauf in das rauschafte Meer
Meide platonisches Geschwafel

auch wenn Du niemals landest,
tanze mit den Mänaden nackt in den Sonnenuntergang
bis sie Dich verschlingen.
Es gibt keine Grenze,
kein Ende,
keinen Tod.
Stirb sooft Du kannst,
dann wirst Du fliegen.

Verdammt, wage den Flügelschlag.
Deine Zeit ist knapp.
Dein Zaudern will,
dass ich Dich hasse
dass ich Dich brennen sehen will.

Aber, sei achtsam!
Am Himmel kreist der Bussard,
er will Dich jagen,
er will Dich erlegen.
Er will seinen nüchternen Schnabel
in Dein loderndes Herz bohren.
Sei auf der Hut.

Komm, steig auf meine Schwingen.
Ich führe Dich hinauf ins Reich der Götter.
Sie werden Dich zu ihrem Anführer machen.
Engelsgleiche Ekstase wird den Donner besiegen
der Hysterie Einhalt gebieten.

Komm, flieg mit
Flieg höher als der Verstand Dich leitet.
Stürzt Dich tiefer hinab
Sei Penner,
Mönch,
umkreise die hohen Berge.

Aber Achtung,
der Habicht,
er gleitet lautlos,
er will Dir Deinen Atem rauben,
Dein Träume stehlen.
Du musst Ihn töten.
Durchstosse sein grauses Herz.
Berausche Dich an seinem Blut.

Komm, flieg mit uns.
Du bist nicht allein.
Folge dem Ruf der Schwarzen Flügel!
Reite das diamantbesetzte Eisen!
Ich höre es Ticken.
Morgen ist es zu spät.“

Die Dohle zwinkert mir zu. Ich spüre, diesmal meint sie es ernst. Jetzt erhebt Sie sich und verschwindet im Unendlichen.

© Risk’n’Ride